Der Narzisst als Elternteil

Die Frage, ob Narzissten auch Narzissten erziehen, ist sehr berechtigt, denn wie geht der Narzisst mit seiner Aufgabe als Elternteil um? Entwickelt er auf einmal ungeahnte Qualitäten, wächst über sich selbst hinaus und heilt eventuell in seiner Rolle als Vater oder Mutter selbst alte Wunden?

Oder bleibt ein Narzisst ein Narzisst und kann sich auch in der Aufgabe der Elternschaft nicht von seinen narzisstischen Eigenschaften entledigen?

Leider ist die zweite Variante die wahrscheinlichere. Es gibt auch hier absolute Ausnahmen, die das Gegenteil beweisen, doch diese sind sehr rar. Dafür müsste der Narzisst erkennen, dass er ein Problem hat. Er müsste möglicherweise erkennen, dass er ein Narzisst ist oder sich zumindest auf den Erkenntnisweg einlassen. Da das jedoch sehr selten passiert, bleibt der Narzisst auch in der Elternrolle in dem Muster und Verhalten des Narzissten gefangen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Narzissten suchen sich unter ihren Kindern (wenn sie denn mehrere haben) ein Lieblingskind aus. Dieses Lieblingskind wird verwöhnt, hofiert, mit Komplimenten überschüttet, gelobt, permanent in der Öffentlichkeit nur im besten und strahlenden Licht dargestellt. Nach außen hin wird der Eindruck vermittelt, es wäre das schönste, beste, fleißigste, klügste, sportlichste, stärkste, beeindruckendste, überragendste Kind, das man sich überhaupt vorstellen kann. Egal, was das Kind auch tut, es wird in seiner Einzigartigkeit und Vollkommenheit bestätigt. Selbst für Leistungen, die eher schlecht oder Verhalten, das tendenziell unangebracht ist, wird es gelobt.

Alle anderen Kinder werden herablassend und herabwürdigend vom narzisstischen Elternteil behandelt. Genauso, wie sich der Narzisst auch in seiner Beziehung verhält. Dabei kennt er so gut wie keine Grenzen, wenn es um Demütigung und Abwertung geht. Meistens wird das Lieblingskind dann als Vorzeigekind hergenommen und den Geschwistern als wunderbares Beispiel gezeigt.

Wie wirkt sich das auf die Entwicklung des Lieblingskindes aus?

Das Lieblingskind des Narzissten schwebt frei in einem Raum und hat nirgendwo Orientierung und Halt, da es keine angemessene Rückmeldung auf sein Benehmen und seine Resultate bekommt. Es lebt in einer surrealen Wirklichkeitsblase. Auf der einen Seite fühlt es sich gut und bestätigt. Auf der anderen Seite entwickelt es eine psychische Abhängigkeit von seinem narzisstischen Elternteil, da dieses das einzige ist, welches ihm aus ungeahnten Gründen Wertschätzung entgegenbringt. Von der restlichen Welt fühlt es sich unverstanden und kommt auch mit dieser nicht zurecht. Für die Anerkennung des Narzissten hingegen tut es alles, auch wenn diese Dinge teilweise widersprüchlich erscheinen. Das Ungreifbare und unfassbare gibt dem Kind den einzigen Rahmen, in dem es sich zu bewegen weiß.

In den allermeisten Fällen entwickeln sich aus den Lieblingskindern der Narzissten ebenso Narzissten, die im späteren Erwachsenenleben die Bestätigung ihrer Schönheit und Strahlkraft beim Partner suchen. Zu diesem Zweck sind sie oft auf ihr Äußeres, ihre Bildung, ihren Freundeskreis, ihren Status, ihre finanziellen Mittel, ihr Renommee, ihre Güter, ihren Charme, ihre Wortwahl und ihre ganze Außenwirkung bedacht. Für sein Inneres wurde das narzisstisch erzogene Kind nie geliebt und wertgeschätzt, also wird es auch im Erwachsenenalter nicht danach suchen. Es weiß deswegen traurigerweise auch nichts über die Existenz von echter Liebe und deren Bedeutung.

Und was wird aus den anderen Kindern?

Die anderen Kinder erleiden tiefe Verletzungen von all den Abwertungen, der psychischen und teilweise auch physischen Gewalt. Die Unberechenbarkeit des Narzissten, die du in deiner Beziehung schon erlebt hast, müssen auch sie ertragen, wobei sie jedoch Kinder sind, die das Verhalten des narzisstischen Elternteils in keiner Weise einordnen können. Diese Wunden graben sich tief in die Seelen der Kinder.

Obendrein entwickeln sie Frust oder Hass und auch Ablehnung in Bezug auf ihr ach so perfektes Geschwisterkind. Da die Lobhudelei des narzisstischen Elternteils nicht nachvollziehbar ist, die gleichzeitig im krassen Gegensatz zu dem missbräuchlichen Verhalten ihnen gegenübersteht, können sie kaum Ideen und Strategien entwickeln, um sich vor ihm zu schützen. Ein Verhalten, dass bei dem Lieblingskind gelobt wird, wird bei ihnen getadelt oder sogar bestraft.

Eine ihrer Möglichkeiten, um den Schmerz, der durch die seelischen Qualen entstanden ist, zu lindern, stellt die Abspaltung von Seelenanteilen dar. Eine Art des Schocks oder der Starre, der sie durch die schmerzlichen Situationen trägt.

Kinder, die auf diese Weise durch den narzisstischen Elternteil leiden, haben als Erwachsene einen intensiven Weg der Heilung vor sich, falls sie sich dazu entschließen. Sie werden im Laufe ihres Lebens höchstwahrscheinlich auch in Beziehungen mit Narzissten konfrontiert und erleben dort ähnliche Schmerzen wie in ihrer Kindheit bzw. werden wieder daran erinnert.

Der Weg aus diesem Tal ist hart und schwer und fordert Mut, Willen, Durchhaltevermögen und eine tiefe Sehnsucht nach Heilung.

Wie kannst du dich und deine Kinder vor einem narzisstischen Elternteil schützen?

Wenn ein Elternteil deines Kindes ein Narzisst ist, kann es sein, dass er seinen geringen Selbstwert mit der Abwertung eures Kindes zu kompensieren versucht. Es ist aber genauso möglich, dass dein Kind nach dem Wochenende beim Vater zurückkommt und ähnliche verletzende oder herablassende Kommentare an dich adressiert, wie er es früher getan hat. So oder so ist es wichtig, dich und dein Kind zu schützen.

1. Alles beginnt mit deinem Selbstwertgefühl!

Das Allerwichtigste im Umgang mit Narzissten ist der Aufbau deines eigenen megastarken Selbstwerts. Wenn du fest und sicher in deiner Mitte stehst, dadurch eine natürliche feste Abgrenzung um dich herum aufbaust, klar und entschlossen bist, hat der Narzisst kaum eine Möglichkeit, an dich oder dein Inneres heranzukommen. Er wird sich die Zähne ausbeißen, da du auf seine Manipulationen nicht reagierst oder einsteigst. Auch über euer gemeinsames Kind wird ihm das dann nicht gelingen, denn du weißt in dem Moment, indem dein Sohn oder deine Tochter evtl. überheblich und herablassend mit dir spricht, nicht wirklich du gemeint bist, sondern nur der Narzisst aus ihnen herausspricht und sie von ihm dazu instrumentalisiert wurden.

2. Klare Grenzen ziehen

Sollte es vorkommen, dass du das Verhalten des narzisstischen Elternteils an deinen Kindern wieder entdeckst, kannst du zwar Verständnis haben, da du um die Zusammenhänge Bescheid weißt, trotzdem ist es deine Aufgabe, als Mutter ganz klar und entschlossen dieses Verhalten zu unterbinden. Nimm das Gesagte nicht persönlich, aber ziehe ganz klare Grenzen. Das heißt, klar und deutlich an dein Kind zu formulieren, dass es die Äußerungen zu unterlassen hat und du diese Art dir gegenüber nicht tolerierst. Wenn du in dir ruhst und das mit genügend Abstand und Souveränität sagen kannst, bist du authentisch und dein Kind kann sich wieder beruhigen und normalisieren.

3. Liebe schenken

Versuche deinem Kind deine ganze Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken, die es braucht, gerade, weil es diese ja nicht vom Vater bekommen kann. Es ist wichtig, dass du als gesunder Elternteil ihm die Bedeutung von Liebe, Achtsamkeit und Verständnis vermittelst. Ebenso kannst du daran arbeiten, ihm ein Wertesystem erfahr- und erlebbar zu machen, das ihm Halt und Sicherheit gibt.

4. Konsequent sein

Solltest du allerdings merken, dass dein Kind immer stärker unter diesen Wochenenden und den Kontakt zum Vater leidet, empfehle ich dir tatsächlich, das Jugendamt einzuschalten. Es ist wichtig, dass du die Behörde hier mit ins Boot holst, denn dort sitzen Fachleute, die von außen noch einmal einen anderen Blick haben und dich und dein Kind besser schützen können. Außerdem führen sie auch, sobald du das erste Mal Kontakt aufgenommen hast, eine Akte über die Vorfälle. So hast du gegebenenfalls später auch etwas in der Hand.

5. Notfallplan

Im Notfall, wenn du einfach spürst, dass dein Kind unendlich leidet und du oder Therapeuten es nicht entsprechend unterstützen können, hilft nur ein kompletter Kontaktabbruch. Ich weiß, wie wichtig es ist, dass ein Kind von beiden Elternteilen großgezogen wird und dass es auch die Möglichkeit haben sollte, beide regelmäßig zu sehen. In manchen Fällen muss man jedoch abwägen, ob die Verletzung durch den narzisstischen Elternteil nicht schwerwiegender ist, als die entgangene Chance, ihn oder sie zu sehen.

Zusammengefasst

Natürlich stellen wir als Betroffene uns die Frage, wie ein Narzisst zum Narzissten wird. Was ist in seinem oder ihrem Leben schiefgelaufen, damit sich eine derartige Störung entwickeln konnte? Tatsächlich kommt es häufig dazu, dass Narzissten von narzisstischen Eltern oder Elternteilen aufgrund deren Verhaltens selbst zu Narzissten werden. Dabei wird bei mehreren Kindern ein Lieblingskind herausgepickt und über alle anderen gestellt, die im Gegensatz dazu unter massiver Abwertung und Ablehnung leiden. Sowohl das hofierte Kind als auch dessen Geschwisterkinder leiden in ihrer Entwicklung. Seien es Haltlosigkeit, Unberechenbarkeit, Vernachlässigung oder physisches und psychisches Leiden. Ich muss jedoch ehrlich sagen, dass ein Kind, welches selbst zum Narzissten wird, die größere Last in seinem Leben zu tragen hat. Es sorgt zwar dafür, dass alle anderen in seinem Umfeld leiden und immer unglücklicher werden, besitzt aber keinerlei Empathie und Liebesfähigkeit und hat dadurch selbst kaum eine Möglichkeit, in einen Heilungsprozess einzutreten. Die Chance, dass ein echter Narzisst sich selbst hinterfragt und erkennt, in eine Entwicklung geht und sich irgendwann von all den Schmerzen und Qualen heilen kann, geht gegen null.

Besonders am Herzen liegt mir, dass du entdeckst, wie wichtig dein eigenes Wohl und natürlich auch das deines Kindes ist. Wenn man in toxischen Beziehungen feststeckt oder versucht dort herauszukommen, scheint es in dem Moment eine unlösbare Aufgabe. Wenn du jedoch begreifst, wie wichtig du selbst bist und dass dein Leben für dich den höchsten Wert haben darf, wirst du auch den Weg aus der Abhängigkeit für dich und dein Kind finden.

Teile sehr gerne deine Gedanken in den Kommentaren, wo du momentan stehst, wie du deine Beziehung erlebst und wo du evtl. Hilfe benötigst. Ich bin gespannt und freue mich auf dich.

Dein Leben ist wertvoll und verdient es, in Freude gelebt zu werden.

Gerne bin ich für dich da, wenn du einfach Unterstützung brauchst, um aus der toxischen Beziehung auszubrechen und dich und dein Kind schützen willst.
Ich freue mich auf dich.
Von Herz zu Herz, deine Martina

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