Was passiert, wenn die Verlassenheitswunde noch aktiv ist?

Was veranlasst uns dazu und vor allem, was treibt uns an, andere Menschen, insbesondere dem Partner ängstlich hinterherzujagen? Selbst in Datingprozessen, die gerade erst beginnen, wollen wir sofort den Status klären und drängen unser Gegenüber quasi dazu, sich zu committen.

Was steckt tatsächlich hinter der Angst vor Ablehnung und dem Gefühl eventuell unerwünscht zu sein? Warum haben wir zu dem auch noch das Gefühl uns beweisen zu müssen, bei einem Menschen, der emotional nicht verfügbar ist? Warum fühlen wir uns zu Menschen hingezogen, die nicht gesund für uns sind und sich für eine dauerhafte Beziehung eher als ungeeignet herausstellen? So viele Frauen stellen mir in Erstgesprächen diese Frage und suchen verzweifelt eine Antwort darauf.

Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht nach Bindung sehnt. Der tiefste Wunsch, sich angenommen, gesehen, gehört und verstanden zu fühlen, schlummert in den meisten, ob bewusst oder unbewusst. Durch ein frühes Trauma oder die Erfahrung, nicht erwünscht oder vernachlässigt worden zu sein, verstärkt sich dieser Wunsch nach Beziehung. Dadurch, dass in uns alles auf Alarmbereitschaft steht und wir so sehr Angst vor dem Alleinsein haben, ist diese Wunde der Verlassenheit sehr mächtig und beherrscht jeden Bereich in unserem Leben.

Wir verhalten uns dann sehr unauthentisch, völlig unabhängig, ob es sich um den Bereich Beziehung, Familie, Freundschaft oder Job handelt. Die vergangene Verletzung ist dann übermächtig groß und zwingt uns förmlich in die Knie. Was bedeutet, solange diese Wunde noch aktiv ist, kaum eine sichere und wertschätzende Beziehung möglich ist. Wir bleiben weit unter unseren Möglichkeiten und verhindern dadurch, eine Beziehung auf Augenhöhe führen zu können.

Die Wunde der Verlassenheit ist kein Konstrukt auf mentaler Ebene oder eine innere Haltung, was auch oft angenommen wird. Vielmehr ist sie in unser Nervensystem eingebunden, indem angepasste Reaktionen entstehen, um unser nacktes Überleben zu sichern. Du spürst, dass diese Wunde nicht geheilt ist, dadurch, dass du in bestimmten Situationen in den Rückzug gehst. Manchmal ist es auch ein Vermeidungsverhalten, passive Aggressionen, übermäßige, fast unkontrollierte Wut oder auch Selbstaufgabe kommen vor.

All diese Reaktionen hindern uns daran, feste und stabile Beziehungen einzugehen. Die Folgen können sein, dass wir jemanden verlassen, bevor wir selbst verlassen werden. Wir sind quasi immer auf der Hut und kommen selten aus der Deckung heraus. Sichere Partner kommen für uns nicht in Frage, denn dann müssten wir uns vollständig zeigen und mit der Wunde der Verlassenheit ist dieses kaum möglich. Lieber setzen wir all unsere Energie ein und laufen hinter emotional nicht erreichbaren Männern her.

Wie entsteht die Wunde der Verlassenheit

Ich persönlich fühlte mich massiv getriggert, wenn mein Partner für sich Abstand brauchte, zum Beispiel nach einem Streit. Ich bin innerlich durchgedreht, wenn wir nicht sofort über unsere Probleme gesprochen haben, sondern mein Partner erst einmal etwas Abstand von mir brauchte. Ich konnte einfach nicht verstehen, dass er nicht sofort wieder Harmonie herstellen wollte. Das gewisse Konflikte nicht immer sofort geklärt werden können, verstand ich erst in meinem Heilungsprozess.   

In meiner Kindheit hatte es massive Auswirkungen, wenn ich zum Beispiel wütend war. Sofort wurde ich alleine auf mein Zimmer geschickt. Ich war als kleines Mädchen völlig überfordert und fühlte mich ängstlich und verlassen.

Es passierte auch, dass meine Eltern, nachdem sie mich auf mein Zimmer schickten, die Wohnung verließen. Als ich nach ihnen schaute waren sie verschwunden und ich hatte keine Ahnung davon, ob sie jemals wiederkommen würden. Ich war einfach noch viel zu klein. Dadurch, dass ich zuvor wütend war und dieses „Fehlverhalten“ Konsequenzen für mich bedeutete, fühlte ich mich zusätzlich noch schuldig. Meine Eltern waren fort, weil ich so unartig war. Schon hier sind Zusammenhänge erkennbar, wie die Beziehung zu den Eltern war und wie wir diese auf die heutigen Beziehungen übertragen. So wie wir uns heute in Beziehungen fühlen, so haben wir uns auch damals als kleines Kind gefühlt. Ebenfalls kann die Wunde der Verlassenheit durch die Vernachlässigung der Eltern entstehen. Meine Eltern zum Beispiel, waren so sehr mit ihren eigenen Themen beschäftigt, dass ich als Kind keinen Raum für Nähe erhielt. Meine Mutter drohte jedes Mal mit Suizid, sobald ihr alles über den Kopf wuchs und mein Vater war mehr mit dem Alkohol und seiner Arbeit beschäftigt als sich für mich zu interessieren. Eines Tages fand ich einen Abschiedsbrief meiner Mutter, dass sie das Leben so nicht weiterführen kann. Dadurch, dass sie so oft mit Selbstmord drohte, geriet ich in Panik als ich den Brief vorfand. In diesem Moment fühlte ich mich von allen verlassen und spürte einen wahnsinnig tiefen Schmerz.

Vielleicht hast du für dich gerade den ein oder anderen Aha- Moment erlebt und erinnerst dich daran, in welchem Moment deine Verlassenheitswunde entstanden ist. Jedes Mal, wenn sich dann ein Partner aus unserem Leben schleichen will, oder wir das Gefühl haben, dass er gehen könnte, wird diese Ur-Wunde getriggert und wir fühlen uns in die Kindheit zurückversetzt. Das bedeutet, dass wir dann als erwachsene Person nicht mehr souverän in der Situation reagieren können, sondern vielmehr aus dem verletzten kleinen Kind heraus, das wir einmal waren.

Ich bin davon überzeugt, dass die meisten meiner Blog Leserinnen, die ein oder andere Erfahrung der Verlassenheit durchgemacht haben. Es muss nicht die Vernachlässigung von Bezugspersonen gewesen sein. Mitunter kann diese Wunde entstehen, wenn ein Elternteil die Familie verlässt, durch Trennung.

Es kann auch sein, dass die Eltern zwar physisch anwesend waren, doch emotional unerreichbar waren, durch bestimmte Ereignisse. Auch die Geburt eins Geschwisterchens kann ein wesentlicher Aspekt sein, der dieses Gefühl von: Ich bin alleine, ausgelöst hat. Nimm dir bitte Zeit, um für dich zu reflektieren, was bei dir dieses Gefühl ausgelöst haben könnte.

Welche Symptome spürst du, bei einer Aktivierung deiner Verlassenheitswunde?

Es gibt unterschiedliche Symptome, die sich mitunter zeigen können, wenn uns ein Mensch viel bedeutet. Zum einen kann es sein, dass du dich persönlich stark angegriffen fühlst, wenn dein Gegenüber Kritik äußert oder dir in anderer Form ein Feedback gibt. Du möchtest allen gefallen, da du so sicherstellst, nicht verlassen zu werden.

Du willst für andere die Probleme lösen und lässt diese Person nicht ihre eigenen Erfahrungen machen, da du ansonsten befürchtest, dass dieser Mensch dann aus deinem Leben verschwindet. Als ich das damals für mich zum ersten Mal erkannt habe, dass ich mich durch dieses Verhalten sehr grenzüberschreitend verhalten habe, schämte ich mich zutiefst. Meine Intention war wirklich zu helfen. Doch hier habe ich unbewusst nur meine eigene Angst vermeiden wollen und kontrollierte so die Situation.

In Stress Situationen fallen wir dann häufig in das kindliche Selbst und wollen sofort wieder Harmonie herstellen, indem wir auf ein klärendes Gespräch bestehen. Wir berücksichtigen dann häufig nicht, dass unser Gegenüber etwas ganz anderes in diesem Moment braucht. Vielleicht einmal kurz Abstand zum Durchatmen oder so. Manchmal ist es auch so, dass wir unseren Worten keine Stimme verleihen, wo es dennoch dringend ratsam wäre. Die Angst verlassen zu werden, hemmt uns erwachsen und souverän zu kommunizieren, was uns auf dem Herzen liegt.

Ich erlebte es zum Beispiel bei mir so, dass ich sehr lieb und angepasst war, denn mit diesem Verhalten konnte ich in der Kindheit einige schmerzhafte Situationen umgehen. Sobald mir ein Mann in der Kennenlernphase gefiel, wollte ich schnell Verbindlichkeit herstellen und drängte mein Gegenüber quasi dazu sich mir gegenüber zu bekennen. Es ist unsere Angst, die uns mit einer unermüdlichen Intensität an dem Ex- Partner klammert. Paradoxerweise führt diese Angst uns dann in die Selbstaufgabe. Wir verleugnen die Realität und bleiben viel zu lange in Beziehungen, die uns sichtlich schaden.

Was kann ich tun?

Es ist wichtig, dass wir lernen uns in unserem Schmerz selbst zu halten. Mache dir bitte bewusst, dass du nicht mehr das kleine Mädchen bist, das um ihr Überleben fürchten muss. Egal, welcher Partner dich auch verlässt…Du bist erwachsen und wirst nicht durch diese Trennung sterben.

Um eine gesunde Beziehung zu dir selbst aufzubauen, brauchst du eine gute Verbindung zu deinem Körper und zu deinen Gefühlen. Sich regelmäßig Auszeiten zu nehmen, um bewusst in sich hineinzuspüren, welche Gefühle sich dir offenbaren wollen, wird dir helfen, eine gute Beziehung zu dir aufzubauen.

In Konfliktsituationen ist es wichtig erst einmal tief durchzuatmen, bevor du in eine Handlung übergehst. Biete dir selbst den Raum, eine Konfliktsituation kurzzeitig zu verlassen, um wieder klar sehen zu können. Kommuniziere deine Bedürfnisse ganz klar und ziehe gegebenenfalls Grenzen, wenn es die Situation erfordert. Daraus entwickelt sich deine innere Stärke und du bist mehr und mehr in der Lage, selbstbestimmt durchs Leben zu gehen. Deine Verlustangst steht dann nicht mehr primär im Fokus, sondern deine Bedürfnisse.

Zusammengefasst

Die Wunde der Verlassenheit zeigt sich in sehr vielen Lebensbereichen auf. Dadurch, dass wir dieses Gefühl dringend vermeiden wollen, agieren wir oftmals aus einem grenzenlosen Selbst heraus. Wir laufen einem Menschen ewig lang hinterher, obwohl uns dieser zurückgewiesen hat. Das kostet enorm viel Kraft. In toxischen Beziehungen wird diese Wunde quasi 24/7 getriggert. Hier fühlst du dich nicht sicher und du weißt auch nicht, ob der Mann neben dir noch morgen da ist.

Meine Empfehlung an dich ist, dich unterstützen zu lassen, diese Wunde zu heilen. Es benötigt die innere Kind Heilung, die uns manches Mal überfordern kann. Du kannst deinem verletzten inneren Kind heute das geben, was es damals so schmerzlich vermisst hat. Dafür braucht es den Blick nach Innen und die Praxis der Achtsamkeit. Menschen loszulassen, die dich zurückweisen und immer wieder Unsicherheit in dir auslösen, zeigen letztendlich auf, dass es da eine Verletzung in dir gibt, die deine Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung benötigt. In einem unsicheren Umfeld zu verharren, wie es in toxischen Beziehungen vorhanden ist, löst in dem verletzten Anteil noch mehr Ängste aus. Du darfst dir nun die Sicherheit geben, die du so sehr in einem anderen Menschen suchst. Ich wünsche dir von Herzen, dass du den Mut findest, die Wunde der Verlassenheit zu schließen.

Dein Leben ist wertvoll und verdient es, in Freude gelebt zu werden.

Hilfe, um toxische Beziehungen zu verarbeiten und dir zu einem starken ICH zu verhelfen, erhältst du bei mir.
Ich freue mich auf dich.
Von Herz zu Herz, deine Martina